Freitag, 10. Juli 2020 Bibilothek
Grabe dort wo du lebst

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Von goldlöcher

  Es war vor langen jahren, als im goldingertal zwei junge, krausköpfige, welschparlierende burschen erschienen. Gross und klein spähte nach ihnen, die bauern durch die astlöcher im tennentürli, und das weibervolk hinter den umhängen hervor.

  Das treiben der beiden nahm sich gar sonderbar aus. Sie stiegen in jedes bächlein hinab, um im geröll zu stochern. Sie klopften mit ihren hämmern an alle felsen, und wo sie im gestein etwas glänzendes erhaschen mochten, steckten sie es in einen ledernen sack. nach einiger zeit hatten die leute herausgebracht, dass die beiden fremden, venediger nannte mann sie, gold suchten. Ob sie welches gefunden weiss man nicht.

  Am abhang der kreuzegg, da wo jetzt das steingewirr des abgebrochenen berges liegt, gruben die venediger eine mächtige höhle. An den wänden und am boden kratzten sie den sand ab und trugen ihn in säcken fort. Ihr quartier hatten sie in «Jöslis» haus bezogen. Das ist heute die wirtschaft zur «Sonne» in hintergoldingen. Obschon sie dort mit verschiedenen einheimischen zusammenkamen, liessen sie kein wort vom gold verlauten. Wochen und monate wühlten sie in der erde. Sie gruben so lange, bis am 28. brachmonat 1757 die höhle und der ganze berg zusammenfielen. Seither heisst er der «abproche berg».

Werden und vergehen am dägelsberg Werden und vergehen am dägelsberg Werden und vergehen am dägelsberg

  Aber die venediger wurden noch nicht kopfscheu. Am dägelsberg begannen sie eine neue höhle auszugraben. Auch da arbeiteten sie mit grossem fleiss, ja sie gruben so tief in den fels hinunter, dass dem brunnen in der hübschegg das wasser abgegraben wurde. Am sonntag stiegen die goldsucher ins fischental hinunter, wo sie jeweilen in der «Blume» ein auf den zahn nahmen, wie der vater des hier aufgewachsenen Anselm Rüegg erzählte.

  Von den venedigern weiss der volksmund noch allerlei geschichten zu erzählen. Der eine von ihnen war eine besonders hübscher bursche mit dunklen augen und schwarzem kraushaar. Von dem träumten bereits alle mädchen rund um den tössstock herum, ganz ander als sie jeweilen von den fischertaler-, sternenberger- oder walderburschen träumten. Und es dauerte wirklich nicht lange, bis er eine am bändel hatte, ein hübsches bauernkind aus dem «Oberholz». Die oberholzer burschen freuten sich über diesen vorstoss in ihre rechte nicht, aber sie trösteten sich damit, dass er einen rechten anstand zahle, wenn schon einer den ganzen tag mit gold zu tun habe. Aber der fremde wusste vom anstand nichts, nicht einen batzenklaubte e aus seiner blater heraus. Im gegenteil, er begann zu welschen wie besessen, er sei niemanden etwas schuldig. «Was ?» brüllten ihn die burschen an, «nichts schuldig ?» und sie schütelten ihre fäuste unter seiner nase. «Den anstand bist du uns schuldig, wie jedermann, der von auswärts zu unseren mädchen z’liecht geht. Das ist brauch, und wer sich dem nicht unterzieht, kann seine blauen wunder erleben !» Der göldgräber begann schrecklich auzubegehren, er habe seinen schatz nicht gekauft und brauche ihn nicht zu zahlen. Da verprügelten ihn die oberholzer erbärmlich, und während die einen ihm die verschiedenen punkte seines sündenregistere vorhielten, gerbten die anderen ihm das fell. Von stunde an sah man den venediger nicht mehr. Wahrscheinlich lief er nach hause, um seiner mutter von seiner blonden geliebten und den barbarischen bräuchen in unserem lande zu erzählen.

  Vom anderen venediger wusste der alte schulmeister Anselm Oberholzer im oberholz auch eine geschichte zu erzählen.

  Als die venediger im berg oben nach gold gruben, kam einst einer am abend zur essenszeit ins oberholz herunter und fragte ums übernachten beim «Sonnenwiesbauer». Der bauer liess ihn nur ungern herein, denn man kannte die fremden vögel zu wenig - oder zu gut. Als es dann ans essen ging, liess ihn die bäuerin merken, dass man zuwenig milch habe. Da lachte der welsche und sagte, dem sei leicht abzuhelfen. Er deutete dem hausvater, mit ihm vors haus zu kommen und einen melkkübel mitzunehmen. Im schopf draussen nahm er das hagmesser und schlug es hinten in den sägebock hinein. Sodann holte er den melkstuhl, nahm den kübel zwischen die beine und begann aus dem messerheft die beste milch herauszumelken. Dem sommerwiesler kam die sache nicht ganz geheuer vor, aber der welsche beruhigte ihn, er solle nur zufrieden sein, die milch komme von den kühen auf der «Scheidegg» drüben.

  Als der vater oberholzer die geschichte von der ferngemolkenen milch in der witschaft erzählte, fanden die oberhölzler, man habe jetzt von den venedigern genug gehört und erlebt: Da kamen sie, machten das weibervolk närrisch, gruben wasser vom hügscheggbrunnen ab, liessen einen berg einstürzen, zauberten und hexten; nein, so etwas konnte man nicht anstehen lassen.

  Eines schönen morgens kam der landvogt mit seinen knechten und suchten den goldgräber und zauberkünstler, und da fand er auch den andern noch, der den anstand nicht bezahlt hatte. Der war also doch nicht über die berge davon. Der landvogt machte keine umstände und nahm die herrschaften mit nach zürich. Dort machte man ihnen den prozess, weil ja die schatzgräberei verboten war. Was bei dem prozess herausschaute , weiss man nicht, aber das weiss man, dass die venediger versprachen, den herren räten aus ihrem golde eine kette herzustellen, welche um die ganze stadt zürich herumreichte, sofern man sie frei lasse. Dieses grossmäulige versprechen trug ihnen aber nichts ein.

  Später wühlte auch ein Heidegger von Zürich im goldloch am dägelsberg.

  Als das goldloch längst verlassen war, bemächtigte sich seiner der teufel. Die leute mieden die gegend, wo ein loch gerade hinunter zur hölle führte. Joggelis hansruedi, der schwefelhozkrämer, wusste davon auch noch eine geschichte zu erzählen, dass einem die haare zu berge standen und man sich nicht mehr getraute, die füsse unter den stuhl zu halten.

  Als Hansruedi noch ein junger, kräftiger bursche war, musste er eunst hinten im baurenboden ein kalb holen. Wie er auf dem weg war, brach ein unwetter los, und der bursche wusste nichts besseres, als in das nicht weit entfernte goldloch hinaufzurennen, um unterzustehen. Aber als er dort im eingang stand und das wetter von seinem trockenen plätzchen aus betrachtete, stieg etwas durch die leiter aus dem loch herauf, und ehe sich’s Hansruedi versah, hatte sich der teufel hinter ihm aufgepflanzt. Unser Hansruedi war sonst ein unerschrockener kerl und nicht von gfürchigen, aber als der andere so sprungbereit hinten in der höhle stand, die geissfüsse in den boden stemmte und mit dem munischwanz wedelte, da war es ihm nicht mehr ganz wohl. Auf einmal stürzte der schwarze auf ihn los, und Hansruedi nahm reissaus. Was die füsse mochten, rannte er durch dornen und gestrüpp auf das schnebelhornwirtshaus zu. Aber der teufel mochte ihn mit seinem bratspiess erreichen und konnte ihm damit einen stich ins linke bein versetzten. Zerfetzt und zerschunden langte er im bergwirtshaus an und liess sich, mehr tot als lebendig, auf die erstbeste bank niederfallen. Seine haare waren vor schrecken in dieser kurzen zeit erbleicht und für seiner lebtag grau geworden, und sein linkes bein blieb für immer lahm.

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Letzte aktualisierung am Donnerstag, 12. Februar 2004